dreissig Jahre später…

Numerus Sonorus. Musikalische Proportionen und Zahlenästhetik in der Architektur der Jesuitenmissionen Paraguays am Beispiel der Chiquitos-Kirchen des P. Martin Schmid SJ (1694-1772),

Nachwort zur elektronischen Ausgabe (2023)

Dreissig Jahre nach der Abgabe der originalen Arbeit wurde die vorliegende elektronische Version erstellt, unter Verwendung der originalen Bestandteile, des Textes, der Abbildungen, der Figuren, der Tafelzeichnungen und auch in der originalen Gestaltung. Hinzugefügt wurde die in elektronischen Ausgaben erforderliche Navigationsleiste oberen Seitenrand. Ebenso wurden im Dokument alle Querverweise auf Tafeln, Masslisten, Abbildungen und Figuren verlinkt, was die Argumente unterstützt, die im Text angeführt werden.

In den dreissig Jahren sind weitere Arbeiten über die Chiquitoskirchen, von Kühne

veröffentlicht worden. Auch die Reste von Architektur der Jesuitenmissionen im heutigen Paraguay wurden mit Eckart Kühnes Hilfe dokumentiert.

In Concepción wurde das Archivo Musical de Chiquitos, AMCh gegründet. Es ist ein Ort geworden, an dem bei den Restaurationen der Kirchen aufgefundene Stimmbücher und Musiknotenblätter ausgewertet werden, um die Aufführungs- praxis zu rekonstruieren.

Roxana O. Loza De Guggisberg hat 2006 an einer identifizierten Messe, die im Original in Zürich und in einer lokalen Kopie im AMCh vorliegt,

untersucht wie weit sie von den Jesuitenpatern an die lokalen Umstände, d.h. an die Ausführenden und an die Zuhörenden, angepasst worden ist. Sie kommt zum Schluss, dass es viele Vereinfachungen gab. Einige Passagen wurden offensichtlich angepasst, um fehlende Stimmlagen singbar zu machen, andere verändern auch den Charakter des musikalischen Eindruckes.

Ihr Fazit ist, dass die zur Jesuitenzeit gespielten Werke Gebrauchsmusik waren, mit Anpassungen für die Ausführenden. Einen vermuteten Einfluss indianischer musikalischer Vorstellungen konnte sie nicht finden, sowie der Vorgang, europäische Musik nach Chiquitos zu bringen, im Kern ein kolonialer gewesen ist.

Die vorliegende Arbeit beschreibt Schmids Werke als dessen ernsthafte Versuche, den Verstand der Indianer mithilfe von Musik und musikalisch proportionierter Architektur zu erreichen. Dies tat er im besten Wissen seiner Zeit und bevor sich die gleichschwebend temperierten Stimmung durchzusetzen begann. Er glaubte ein perfektes mathematisches Konzept von der Musik zu besitzen, in dem mit terzenreinen Stimmungen und nur mit kleinen Anpassungen, den Temperaturen, die jeweilige Verwendung eingerichtet werden musste.

Er baute drei Kirchen nach einem gleichen Schema, aber er baute sie nicht identisch. Er war in der Lage, seine Grundstruktur in der Ausdehnung für jede neue Kirche etwas zu vergrössern. Dabei achtete er immer auf die entstehenden Proportionen.

Die Abweichungen habe ich in dieser Arbeit versucht, über Spektren verschiedener Tonarten zu verdeutlichen. Es kann gut sein, dass Schmid die Verschiebung der Grundtöne in Beziehung zu den in den jeweiligen Proportionierungen vorhandenen Halbtonschritten relativ frei gewählt hat, ohne dass er für jede Kirche einen eigenen Klang erzeugen wollte. Es ist unklar, ob die Unterschiede zwischen den Schauflächen (wie Altar, Fassade und Jochgliederung) wirklich bis hin zu Tonarten gedacht wurden. Die dargestellten Unterschiede sind dennoch bedeutsam, da sie belegen, dass Schmid bei der Proportionierung seiner Architektur genauso akribisch wie beim Instrumentenbau vorgegangen ist. In diesem Sinne wird er die Kirchen wie seine Musikinstrumente als Gebrauchsgegenstände gesehen haben, die er nach besten Wissen und Gewissen erschaffen hat, mit einem in seiner Welt zur Verfügung stehenden Vernunftprinzip, das auf einer mathematisch (beinahe) erklärbaren Musik beruhte.

Es war höchst interessant herauszufinden, wie das Proportionieren von Architektur nach musikalischen Intervallen damals gemacht worden ist, und wie die quasi verbürgten Verhältnisse des Numerus Sonorus so realisiert wurden, dass sie auf die Sinne der Indianer gewirkt haben konnten. Die Variationen der drei Kirchen Schmids belegen ein ernsthaftes Interesse an der Gestaltung im Namen der Vernunft. Es gilt weiter, dass das Wesen der Kunst darüber hinaus geht.

Stefan Fellner zum 6.5.2023